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Jüdische Kunst

Verglichen mit dem Begriff der christlichen oder muslimischen Kunst ist "jüdische Kunst" - und hierin folgen wir in unserer Ausstellung einer Definition von Hannelore Künzl (1992) - immer "jüdisch - religiöse Kunst". Der Begriff ist nicht an Länder und Epochen gebunden, sondern stets überregional, zeitlich nicht eingegrenzt und umfaßt die Kunstgattungen von der Architektur über die Gestaltung von sakralen Gegen- ständen zu Malerei und Graphik religiöser Themen oder Themen des Judentums. "Jüdische Kunst konnte und kann nur dort entstehen, wo die äußeren Lebensbe- dingungen für die Juden verhältnismäßig günstig waren und sind, so daß sie sich auch kulturell entfalten konnten".

Wenn "jüdische Kunst" auch in der Regel  Arbeiten jüdischer Künstler meint, so sind nicht alle jüdisch - religiösen Werke von Juden gemacht, auch sind diejenigen eines jüdischen Malers oder Architekten nicht zwangsläufig der jüdischen Kunst zuzurechnen. Denn was ist beispielsweise an einem Landschaftsgemälde des Berliner Malers Max Liebermann (so H. Künzl) jüdisch im obigen Sinne? Auch jüdische Künstler haben als Mitglieder von Minderheiten in den verschiedenen Kulturkreisen unseres Globus gelebt und mußten sich in ihren Arbeiten dem jeweiligen Assimilierungsdruck stellen. Be- trachtet man das künstlerische Schaffen moderner jüdischer Maler und Graphiker, so ist immer wieder festzustellen, daß nicht alle ihre Werke einen Bezug zum jüdischen Tenach, zu den biblischen "Gesetzen, Propheten und Schriften", aufweisen. Auch in diesem Sinne ist eine Gleichsetzung von jüdischer Kunst mit der Kunst von Juden nicht möglich, aber auch nicht notwendig.

Unsere Ausstellung stellt Arbeiten zeitgenössischer jüdischer Künstler vor: Jacob Abitbol und Peter Langguth leben in Deutschland und bearbeiten viele jüdisch-religiöse Themen. Barak Nachsholi und Rachel Gordin leben und arbeiten in Israel, zeitweilig auch an der berühmten Bezalel-Schule, und widmen sich neben Landschaften und Stadtansichten bewußt religiösen Themen. In den Arbeiten Barak Nachsholis ist zudem die Beschäftigung mit dem spannungsreichen Verhältnis zwischen Juden und Muslimen in den letzten Jahren stärker in den Vordergrund getreten. Es sind insgesamt alles Arbeiten, die sich mit dem Menschsein, seinen religiösen und kulturellen Wurzeln und der Sinnfrage menschlichen Zusammenlebens beschäftigen.

Oft mißverstanden wurde und wird zuweilen auch noch heute das sog. Bilderverbot im ersten der zehn Gebote (2. Buch Moses 20, 4). Vor allem im letzten Jahrhundert wurde dies nicht nur auf Darstellungen von Gott, sondern auch auf solche von Mensch und Tier als Teil der göttlichen Schöpfung bezogen. Dies begründete damals die Vorstellung, jüdische Kunst dürfe keine figürlichen Darstellungen liefern, so daß man solche Dar- stellungen in der jüdischen Buchmalerei gar christlichen Künstlern zuschrieb. Nach heutigem Verständnis ist allein - und hier zeigt sich die Nähe zur muslimischen Kunst, die allerdings noch Mohammed einbezieht - eine Darstellung von Gott verboten. Denn Gott ist nicht nur "nicht vorstellbar und deshalb auch nicht darstellbar". Die Schönheit eines Kunstwerkes darf in keinem noch so kurzen Augenblick in Wettbewerb zur ureigenen Gotteserfahrung und Gottesverehrung treten. Ein solches Verbot kannte und kennt die christliche Kunst in dieser Form nicht.

Moderne Kunst ist, wie wir sie gewohnt sind, wenig thematisch und figürlich. Dennoch hört die Rezeption religiöser Themen - allerdings befreit von dogmatischen oder moralisierenden Deutungszwängen - und die kreative Aufnahme von alttestamenta- rischen Stoffen, Figuren und Motiven in der Moderne nicht auf. Dies, gleichsam als "inspirative Kraft in der Kunst" (E. Zenger), soll in unserer Ausstellung deutlich werden.

Jüdische Kunst ist genauso lebensfroh und vital im Form und Farbe, genauso kritisch und anklagend, genauso nachdenklich und zuweilen sprachlos wie jede andere Kunst- richtung. Jüdische Kunst ist jedoch immer eine Beschäftigung mit der jüdisch - israelischen Geschichte, mit ihrer Kultur und ihrer Religion.

(Die Zitate stammen aus: Hannelore Künzl, Jüdische Kunst, C. H. Beck 1992, Einleitung)

                                                                                                        
Jürgen W. Schaefer