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Islamische Kunst

Vergleicht man die islamische Kunst mit der christlichen oder der jüdischen, erscheint sie uns als eine vollkommen gegensätzliche, zumindest zur christlichen Kunst. Gleich- zeitig erscheint sie als eine einheitliche Kunstwelt, die festgelegten Gesetzmäßigkeiten unterliegt. Da die Darstellung des menschlichen und göttlichen Antlitzes dem musli- mischen Künstler verschlossen bleibt, geht alles Sein für ihn auf das geschriebene Wort zurück, weil alles vom Qur'an ausgehen und zu ihm zurückkehren muß. Der Qur'an bleibt das zentrale Prinzip. Der muslimische Künstler sieht die Welt als ein absolutes Buch, das für die Göttliche Gegenwart Zeugnis ablegt. In diesem Sinne drückt der islamische Künstler das Wesen aller Kunst aus: denn Kunst bedeutet immer, das Altbekannte neu zu kreieren. Die kreative Stärke des Islam liegt in der dekorativen Umgestaltung der Natur in das Abstrakt-Ornamentale, denn sie sucht das Schemen- und Formelhafte. Aber das bedeutet nicht, daß sie sinnlos wäre. Sie ist voll heiliger Symbolik.

Das Bestreben der islamischen Kunst ist es, jedes Phänomen einem Absoluten zuzu- führen, zur Vollkommenheit zu gelangen, die ihre eigene sakrale Lehre in sich trägt. Ihre Grundzüge sind daher abstrakt. Titus Burkhard beschreibt die islamische Kunst so: "Der höchste Sinn aller islamischen Kunst ist immer die Einheit. Die göttliche Wirk- lichkeit ist überall; in jedem Wesen und in jedem Ding ist sie die Mitte. Kein Wesen und kein Ding kann den Anspruch erheben, allein ihr Abbild zu sein, so daß sich endlos Mitte in Mitte spiegelt". Das Anliegen des islamischen Künstlers besteht darin, die Göttliche Dauerhaftigkeit und Ewigkeit zu vergegenwärtigen und das Unwandelbare im Wandel zu zeigen. Denn Gott  ist nicht ein Werden, sondern ein Sein.

Allah hat dem Propheten Muhammad den Qur'an in arabischer Sprache offenbart. Die erste Begegnung mit ihm war die Offenbarung des Qur'anverses: "Lies im Namen deines Herrn, der schuf, den Menschen schuf aus zähem Blut. Lies,  dein Herr ist's, der dich erkor, der unterwies mit dem Schreibrohr; den Menschen unterwies er in dem, was er nicht weiß zuvor" (Sure 96, 1-5.). Die arabische Schrift und Sprache bilden das innere Band, das über alle Grenzen hinweg die Muslime eng zusammenschließt und vor allem ihrem Kunstschaffen eine einheitliche Richtung gibt.

Für den Moslem ist der Qur'an das unerschaffene Wort Gottes, in dem Mensch und Gott sich  in der geoffenbarten Rede begegnen. Deshalb ist die Kalligraphie die vor- nehmste der islamischen Künste, der charakteristischste Ausdruck des islamischen Geistes, weil sie das Wort Allahs verkündet. Die pflanzlichen und geometrischen Ornamente sind Zeichen seiner Gegenwart.

Im Gegensatz zu christlichen oder jüdischen Gotteshäusern unterscheidet der Islam nicht zwischen profanem und sakralem Bereich. Die Moschee z.B. ist gleichzeitig Gotteshaus und Versammlungsraum, sie ist daher kein Ort der Kulthandlungen. Die gleiche Erfahrung macht der Abendländer auf dem Gebiet der Schönen Künste. Er vermißt die Naturnähe, die Individualisierung und die Tragik. Daher stellt sich für ihn die Frage: Worin unterscheiden sich die Kalligraphen voneinander? Wo bleibt die Indivi- dualität oder die persönliche Eigenart der Kalligraphen? Das Ziel ist ja gerade die Überwindung der Individualität und der Subjektivität und das Eintauchen in die Welt der objektiven Wahrheit, der Mystik und der Liebe. Ihrem Berufsethos nach ziehen es die muslimischen Künstler vor, schlicht mit Armer, Geringer oder Derwisch oder Diener Gottes zu signieren. Die ständige Beschäftigung mit dem Qur'an und der Hadith sowie den Sufi-Weisheiten versetzen sie in eine tiefe, innere Versenkung, in die Meditation.

Die Selbstverwirklichung des muslimischen Künstlers liegt im Aufgeben seines Ichs, seiner persönlichen Gedanken und Vorstellungen. Das heißt, erst wenn er den Sufi- Weg betritt und sich von seinem individuellen Geltungstrieb loslöst, ist er im Stande, die objektiven und geistigen Gedanken in eine Kunstsprache umzuwandeln. Die Hand des Kalligraphen ist die "Verlängerung" seiner Gedanken. Die Sätze, die er schreibt, die- nen hauptsächlich der Erinnerung (der Zikr). Sie öffnen dem Betrachter ihre Geheim- nisse und geben ihre heilenden Kräfte frei.

                                                                                                                
Ismat Amiralai