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Christliche Kunst

Die Religion zielt auf das Menschliche, das Heilige hat sich in der Welt verloren; die Erfahrung von Gott ist veräußerlicht worden - diese Kritik und auch Selbstkritik hat die christliche Kunst spätestens seit der Renaissance ertragen müssen und auch selbst formuliert. Schon mit den frühesten christlichen bildnerischen Zeugnissen wurde eine Entwicklung eingeleitet, die wohl einen ähnlichen Ausgangspunkt hatte wie die anderen hier in Bildern vorgestellten Religionen: Ziel der christlichen Kunst war - von heute aus betrachtet - gerade die oben beschriebene, immer als problematisch empfundene Vermischung von Weltlichem und Göttlichem.

Wie in der islamischen und der jüdischen Kunst hat ursprünglich das sogenannte Bilderverbot, speziell das Verbot, Gott darzustellen oder abzubilden, auch in der Geschichte der christlichen Kunst eine wichtige Rolle gespielt. Umgangen wurde es sehr unterschiedlich: entweder durch die Vorstellung, Abbildungen Gottes, von Jesus und von Maria seien von Gott selbst, durch Engel oder von Heiligen gemalt worden; oder durch den Versuch der mittelalterlichen Künstler, die Welt bzw. ihre Vergegen- ständlichung im Kultbild mit anderen Mitteln abzuwehren. Von der Natur blieben nur abstrahierte Zeichen. Der an sich sündige Körper wurde hässlich und entsinnlicht dargestellt; Jesus, Maria und die Heiligen wurden symbolhaft, vergeistigt und unkör- perlich abgebildet.

Die Tatsache, dass sich letztlich das Abbilden des Heiligen und des Geistigen - oder besser: seine "Übersetzung" in eine weltliche Gestalt - in der christlichen Kunst durch- gesetzt hat, führte im Wesentlichen zu zwei Konsequenzen:

1. Die Abbildung der Menschen und der Welt mit ursprünglich religiösen Inhalten ermöglichte zunehmend auch Darstellungen losgelöst vom christlichen Kultbild. Das führte zu der Autonomisierung von Kunst, zu dem Verständnis, das wir heute von moderner Kunst haben. Es ist in der konsequentesten Form die Unabhängigkeit von "alten" Aufgaben, frei von religiösen Inhalten und frei von Gegenständlichem, was wiederum eine neue Transzendenz möglich macht.

2. Die andere Auswirkung betrifft ganz direkt die zentrale christliche Botschaft selbst, die Christus und sein Sterben vermittelt: Christus ist göttlich und menschlich zugleich, und wir Menschen sind sowohl geistig als auch naturhaft, wie alles um uns.

Hätte Matthias Grünewald die Tragik des Gekreuzigten und sein Menschsein je dar- stellen können ohne genaue Studien des menschlichen Körpers und des Fleisches? Oder war für Albrecht Dürer nicht naheliegend, das Göttliche im Menschen und in der Schöpfung durch die mathematischen Gesetze der Komposition und die Schönheit seiner eigenen Gestalt im Selbstporträt auszudrücken?

Diesen Weg, Geistiges und Göttliches in der Welt darzustellen, gehen heute viele christliche Künstler - und sie wissen um die oben dargestellte Problematik unserer Existenz. Sie verwenden dabei Mittel, die die Kunst auf dem langen Weg ihrer Los- lösung von religiösen Inhalten erworben hat: die expressive Formensprache und die Abstraktion. In dieser Modernität liegt die Herausforderung der zeitgenössischen sakralen Kunst.

                                                                                                        
Hartmuth Schweizer